Bananenblatt


17.Oktober 2005

Bananenblatt 1 / 2005

Abgelegt unter: Bananenblatt "Classic" | wong it! — bananenblatt @ 7:12

Man mag sich gewundert haben, warum es so lange kein “Bananenblatt” mehr gab. Naja, die Antwort ist einfach: Wozu ein Reisetagebuch, wenn man nicht reist?

Jetzt bin ich also glücklich wieder einmal in Indien, und schön ist’s. Diesmal gab’s die erste Überraschung auf dem Weg zum Flughafen: Im Gegenstz zu früheren Fahrten war nicht das Taxi leer als ich zustieg und wurde dann nach und nach voller, sondern es war schon voll! Unter anderem war ein netter junger Mann aus einer anderen Abteilung mit von der Partie, seine erste Tour nach Indien. Auf den verschiedenen Wegen durch den Frankfurter Flughafen stellte sich heraus, daß er in einem Hotel untergebracht ist, das hier im Bananenblatt schon einmal ziemlich vernichtende Kritiken bekommen hat.

Ohne den Dingen vorgreifen zu wollen: wir waren heute Essen, und das Hotel scheint sich dramatisch gebessert zu haben, er ist sehr zufrieden. (Zugegeben, wir haben nicht über das Frühstück geredet :-) )

Der Flug selbst war weitgehend ereignislos. Ich hatte diesmal ein etwas zweischneidiges Glück: Meine Sitznachbarin im Eco-Sessel war übergewichtig – die Armlehne zwischen uns konnten wir schon nicht mehr ganz hinunterklappen. Inzwischen ist Sonntag abend, aber meine linke Schulter ist immer noch verspannt :-/ Naja, lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen.

Die Bettler am Flughafen waren lästig wie eh und jeh, aber sie haben sich weiterentwickelt: Der Kerl hat mich zuerst ein wenig ausgefragt: Woher ich käme und so – vor allem: Wie oft ich schon hier gewesen sei. Dann hat er sich vorgestellt. Sein Name, daß er hier am Flughafen arbeite und so. Und dann hat er erst nach einem Trinkgeld gefragt. Im Gegensatz zur üblichen Praxis (wie in älteren Bananenblättern beschrieben: einfach ignorieren – solange man noch Kontakt hält spüren die Jungs noch eine Chance) konnte ich ihn mit einem laut lachenden “nicht schon wieder” (oh no, not again) schon in die Flucht jagen.

Ansonsten konnte ich auf dem Flug ein paar wunderbare Fotos vom Sonnenuntergang machen – die Bilder gibt’s irgendwann zum herunterladen. Wenn man sie nicht RIESENgroß sieht, wirken sie leider nicht.

Den Tag heute hab’ ich mit dem üblichen Extrem-Shopping verbracht, allerdings frustrierend erfolglos. Der Plattenladen hatte umgeräumt, und trotz einer besseren Auswahl hat mich nichts mehr unwiderstehlich angelacht. Mein Lieblings-Buchladen hat inwzischen sogar beschlossen, Sonntags geschlossen zu lassen. Mit den Riksha-Fahrern passieren inzwischen auch keine größeren Sachen mehr.

Zum Shoppen war übrigens trotz Monsoon super-Wetter: mässig schwül, “nur” 28 Grad, aber immerhin kein Regen. Die ersten zwei Regentropfen haben mich erwischt, als ich ins Hotel hineinging. Dann fing’s allerdings an… heftig… so kannte ich den Monsoon bisher noch nicht. Angeblich hatte es auch die letzten vier Tage so durchgeregnet.

Das einzige Bemerkenswerte blieb also das Abendessen mit Duncan im “Tandoor”, und auch das war sehr angenehm und ereignislos. Der Gipfel der Außergewöhnlichkeiten war die folgende Mini-Anekdote: Wir hatten uns wegen dem Regen einen Fahrer vom Hotel genommen. Das Personal am Hotel hatte uns gesagt, er würde warten und uns dann zurückfahren. Kurz nachdem wir Platz genommen hatten, kam der Fahrer noch einmal herein – mit einer Handynummer in der Hand. Wenn wir fertig seien, sollen wir ihn anrufen :-) – hat aber blendend geklappt, und hoffentlich hat er die Zeit gut verbracht.

Ach so… und dann waren wir noch in der “Hotelbar”, um mit einem Whiskey den Magen zu desinfizieren. Daß wir dabei in eine Techno-House-Party stolpern würden, damit hatte niemand gerechnet. Coole Stimmung, lauter fröhliche Leute…

Übrigens: Soweit ich es beurteilen kann, war die Desinfektion erfolgreich: Mit geht’s rundum blendend.

Also, bis zum nächsten Mal, euer rasender Reporter

4.Oktober 2005

Ein schwarzer Tag für Europa

Abgelegt unter: Allgemeines | wong it! — bananenblatt @ 22:29

Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.

Meine letzte Frage zum Thema war “Wie wird das dann erst, wenn die Türkei EU-Vollmitglied wird?” – aber daß der Weg zur Vollmitgliedschaft über eine Intervention der USA führt ist wirklich der Gipfel.

Ist es nicht genug, daß unsere eigenen Regierungen uns belügen? Reicht es nicht, daß über die Hälfte der EU-Bürger in fast allen EU-Ländern gegen den Beitritt sind und sich unsere “demokratischen” Regierungen einfach darüber hinwegsetzen? Müssen sich auch noch die USA einmischen? Seit der Termin “3. Oktober” steht heißt es, die Beitrittsverhandlungen werden “ergebnisoffen” geführt.

Über die Motive der USA wurde nichts geschrieben, aber der Türkische Ministerpräsident sagt selbst: “Wir werden unsere, von nationalen Interessen geleitete Haltung beibehalten.” Wie er allerdings auf die Idee kommt, die Europäische Union habe die Türkei “mindestens ebenso nötig” wie die Türkei die EU bleibt ein Rätsel.

Keine Ergebnisoffenheit mehr, “Gemeinsames Ziel der Verhandlungen ist die Mitgliedschaft”. Hut ab vor der Österreichischen Regierung, die es beinahe noch geschafft hätte – und immerhin einen Verweis auf Artikel 49 des EU-Vertrages und einen Hinweis auf die “Aufnahmefähigkeit” der EU in den Vertrag verhandelt hat.

Doch die Aufnahmefähigkeit der EU geht am Thema vorbei. Das Zentrum der Schwierigkeiten mit der Türkei ist nur oberflächlich die Aufnahmefähigkeit – tatsächlich geht es um die Frage “Wer integriert hier wen?”. Die International Herald Tribune weist darauf hin, daß “By the time it could be expected to join, Turkey’s current population of 70 million people would probably have grown to outnumber that of Germany, now the largest European state. Under current rules, that would give it the most seats in the EU Parliament, skewing an already complex European agenda.” Übersetzt:

Zur Zeit des erwarteten Beitritts würde die türkische Bevölkerung von heute 70 Millionen Menschen wahrscheinlich die Deutsche übertreffen. Deutschland ist jetzt der größte EU-Mitgliedsstaat. Nach heutigen Regeln würde das der Türkei die meisten Sitze im Europaparlament geben und so das ohnehin schon komplexe Programm der EU weiter verzerren.

Und wenn auf diese Weise die Türkei Europa integriert anstatt umgekehrt – wo geht der Zug dann hin? Das Problem mit der Türkei ist eben nicht, daß Europa “voll” ist. Das Problem ist, daß Muslime nach einem völlig anderen Wertesystem leben – einem, das Toleranz als Schwäche sieht und gnadenlos ausnutzt. Dabei braucht man Ministerpräsident Erdogan keine schlechten Absichten zu unterstellen: Das Land ist zu groß, um innerhalb weniger Jahrzehnte so grundlegend seine Kultur zu ändern. Zum Vergleich: der gleiche Vorgang dauerte für den Rest von Europa etwa von 1517 (Luthers 97 Thesen) bis zu Voltaires berühmten “Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.” im späten 17. Jahrhundert sind rund zweihundert Jahre vergangen. Übrigens hat dieser kollektive Lernvorgang im Vorbeigehen auch den 30jährigen Krieg ausgelöst. Wir haben uns Humanismus und Aufklärung hart erarbeitet und sollten sie schätzen und schützen.

Es ist eine Illusion, daß wir der muslimischen Welt Toleranz beibringen könnten. Eine Religion, die “Unterwerfung”” heisst, wird Toleranz notwendigerweise als Schwäche interpretieren und ausnutzen.